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Und der Oscar geht an ... Pirou?

Trauriges Update: Die Filmemacherin Agnès Varda ist am 29. März 2019 gestorben. In vielen Stellen im Film Augenblicke – Gesichter einer Reise merkt Ihr, dass sie wusste, dass es wohl ihr letzter Film sein würde. Wenn Ihr ihn noch nicht gesehen habt, dann holt das unbedingt nach. Ein Film der viel über das moderne Frankreich erzählt, und von dem, das verschwindet oder bereits verschwunden ist. Und ein Film voller Menschen-Liebe und berührender Momente.

Die Oscar®-Verleihung am 4. März 2018 wurde auch in der Normandie mit Spannung verfolgt. Der französische Film „Visages Villages“ war als bester Dokumentarfilm nominiert. Gedreht wurde in der französischen Provinz – unter anderem in Pirou in der Normandie.

Urlaub mit Hund in der Normandie: Filmtipp Visages Villages. Einer der DRehorte war Pirou an der Westküste der Basse-Normandie
Der Film Visages Villages wurde unter anderem im Geisterdorf in Pirou gedreht.

"Wir lieben beide die Menschen", fasst Filmlegende Agnès Varda die Quintessenz des Dokumentarfilms "Visages Villages" zusammen. Die 89-Jährige tourte zusammen mit dem Streetart-Künstler JR zwei Jahre lang durch die französische Provinz. Sie porträtierten die Menschen der Dörfer in JRs Fotomobil und klebten die überlebensgroßen Bilder an Hausfassaden, auf Schiffscontainer, Züge und gestrandete Bunker. Der Film, der am 31. Mai unter dem Titel "Augenblicke: Gesichter einer Reise" in die deutschen Kinos kommt, setzt den Menschen und ihrer persönlichen Geschichte ein Denkmal. Ganz normalen Menschen, wie dem Briefträger von nebenan. Der Film erzählt von Begegnungen, Augenblicken. Von Vergänglichkeit und Erinnerung. Gedreht haben Agnès Varda und JR überall in Frankreich; oft waren persönliche Erinnerungen der Grund dafür, einen Ort aufzusuchen.

Filmtipp, Visages Villages, Normandie. Filmszene ein Bunker in der Normandie mit einem der Kunstwerke
Das Foto des französischen Fotografen Guy Bourdin zierte eine Tide lang den Bunker in Sainte-Marguerite-sur-Mer. Foto: © Agnès Varda-JR-Ciné-Tamaris, Social Animals 2016

"Ich war früher oft in der Normandie", berichtet JR, "da gibt es eine Stelle, wo ein gesprengter Bunker mitten im Sand steckt, als wäre er vom Himmel gefallen." Es stellt sich heraus: Auch Agnès kennt diesen Ort, war zusammen mit dem Fotografen und Künstler Guy Bourdin dort. Sie und JR bringen eine Reproduktion eines alten Fotos von Bourdin an dem Bunker an. "Besonders hat mir gefallen, dass du ihn halb liegend auf den Bunker montiert hast. Das Relikt eines schrecklichen Bunkers aus dem Krieg wird hier zu einem kuscheligen Nest (...) und schwubb, wurde es von einziger Welle wieder weggespült", so Agnès Varda im Interview.

Ein Fest in Pirou für das Village Fantôme"

Die Episode in Sainte-Marguerite-sur-Mer (Seine-Maritime) ist kennzeichnend für den gesamten Film. In Pirou, im "Village Fantôme", haben die Filmemacher ein Fest mit den Menschen gefeiert, ihre Portäts auf die zerfallenen Häuser geklebt. Das Geisterdorf ist längst abgerissen, nur noch eine graue Steinwüste erinnert an diesen Platz. Doch der Film "Visages Villages" setzt ihm und seiner Geschichte ein filmisches Denkmal.

Filmtipp, Visages Villages, Normandie, Filmszene aus Le Havre
In Le Havre wurden die Arbeiter in den Docks und ihre Ehefrauen portätiert. Foto: © Agnès Varda-JR-Ciné-Tamaris, Social Animals 2016

Ein weiterer Drehort in der Normandie ist Le Havre, wo Agnès Varda und JR die Dockarbeiter und ihre Ehefrauen auf den Schiffscontainern verewigt haben.

Frankreich in seiner ursprünglichsten Form

Filmtipp, Visages Villages, Normandie, Spurensuche im ländlichen Frankreich
Der Film "Visages Villages" macht sich auf Spurensuche durch das ländliche Frankreich.Foto: © Agnès Varda-JR-Ciné-Tamaris, Social Animals 2016

Von den Szenen in der Normandie abgesehen, lohnt der Film schon allein deshalb, weil Agnès Varda und JR die Geschichte des ländlichen, des ursprünglichen Frankreichs erzählen, das mehr und mehr zu verschwinden droht. Er lohnt wegen der Herzenswärme, mit der die beiden Filmemachern den Menschen begegnen, wegen den faszinierend Porträts und Collagen und nicht zuletzt wegen der Künstler selbst und ihrem so ungewöhnlichen Projekt. Agnès Varda ist Mitbegründerin der Nouvelle Vague und sicherlich die bedeutendste Filmemacherin Frankreichs, den Ehrenoscar für ihr Lebenswerk erhielt sie 2017. Ihr Spielfilm "Vogelfrei" hat mich in jungen Jahren nachhaltig erschüttert. Ihr Lieblingsgenre ist allerdings der Dokumentarfilm,  weil, wie sie selbst sagt,  "der Zufall die Regie übernimmt".  Der Streetart-Künstler JR, Juste Ridicule, wurde mit seinen ungewöhnlichen Fotografien der Banlieu-Bewohner von Paris bekannt. JR zeigt auf seinen Fotografien die Vergessenen, die Ausgegrenzten. Er will Kunst nutzen, um die Welt umzukrempeln. Der Film Visages Villages erzählt auch von dem Roadtrip dieser zwei so unterschiedlichen Künstler, ihrer beginnenden Freundschaft.

Filmtipp, Visages Villages, Normandie, treetart-Künstler JR und Filmemacherin Agnès Varda.
Streetart-Künstler JR und Filmemacherin Agnès Varda. Foto: © Agnès Varda-JR-Ciné-Tamaris, Social Animals 2016

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft

Ursprünglich war das gemeinsame Projekt als Kurzfilm angelegt; doch auch hier übernahm der Zufall die Regie. "Visages Villages" ist eine wunderbare Ode an Frankreich, das Leben und an die Kunst geworden. Der Film feierte am 19. Mai 2017 auf den Filmfestspielen in Cannes seine Premiere und wurde seitdem mehrfach prämiert. Für den Oscar® hat es zwar nicht gereicht, dafür wurde aber der Film mit dem unabhängigen Äquivalent "Spirit Award" ausgezeichnet.

Info

Der Film läuft im Weltkino-Verleih in den deutschen Kinos. Die französische Version kann über arte France als VoD bezogen werden. Mittlerweile ist auch die deutsche Version auf DVD erschienen.


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