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Antony Beevor: D-Day – die Schlacht um die Normandie

2019 feiert die Landung der Alliierten in der Normandie das 75-jährige Jubiläum. Zu diesem Anlass finden entlang der Landungsstrände Gedenkveranstaltungen, Feste und Events statt. Gefeiert und gedacht wird von Ende Mai bis Mitte Juni, mancherorts in der Normandie, wie zum Beispiel in Cherbourg, auch später. Da es mir am Wissen über die Schlacht fehlte, habe ich Antony Beevors Buch "D-Day – Die Schlacht um die Normandie" gelesen und will Euch an meinen Eindrücken teilhaben lassen.

Collage der Soldatenfriedhöfe in La Cambe und Colleville.
Die Erinnerungskultur in der Normandie ist allgegenwärtig.

Vorweg: Warum der Gedenktourismus in der Normandie bisher so kein Thema für mich war

Ich wurde 1965 geboren, genau 20 Jahre nach Kriegsende. Mein Vater war Jahrgang 1918 und wurde im Zweiten Weltkrieg verwundet. Darüber gesprochen hat er nie. Meine Mutter ist Jahrgang 1937 und wuchs in Bremen auf. Mit Bombardierungen, Nächten im Luftschutzkeller und Zerstörungen der Stadt. Auch sie hat in unserer Kindheit nie darüber gesprochen. Aber sie ist mit uns Kindern bei einem Gewitter in den Keller gerannt – voller Panik, es könne sich um einen Bombenangriff handeln. Ich bin sicher ein gutes Beispiel für transgenerational transmission of trauma, also ein über die Generationen hinweg weitergegebenes Trauma: Ich hatte bis weit in meine Erwachsenenzeit hinein schreckliche Albträume von Krieg, von fallenden Bomben, Artilleriebeschuss – ohne je Krieg erlebt zu haben. Auch deshalb habe ich mich in den 1980er Jahren in der Friedensbewegung engagiert und gegen das atomare Wettrüsten protestiert.

Als ich das erste Mal in die Normandie kam, 2003, hat mich beim Besuch von Omaha Beach, auf dem amerikanischen Friedhof in Colleville und an anderen Stätten des D-Day das pure Grauen überfallen. Ich konnte sie sehen und hören, die Gefallenen, die Verwundeten. Ich habe lange gebraucht, um diese eine Woche zu verarbeiten. Die Albträume waren wieder da. Lange Zeit hatte ich deshalb mit der Art und Weise, wie der Befreiung umgegangen wurde, enorme Probleme. Darf man eine solche Schlacht für ein fröhliches Volksfest nutzen? Widerspricht das nicht dem – stillen – Gedenken? Mittlerweile sehe ich das, vor allem weil ich hier lebe und die Dinge anders (er-)lebe,  entspannter. Es ist wichtig, das Geschehene lebendig zu halten. Die Geschichte der nächsten Generationen zu vermitteln. Feiern (aus Dankbarkeit) und Gedenken müssen sich nicht widersprechen, sondern gehören zusammen. Und je leichter und unverkrampfter Geschichtsvermittlung geschieht, desto eher schaffen wir es (hoffentlich), Kinder und Kindeskinder davon zu überzeugen, dass Faschismus und Krieg im heutigen Europa keinen Platz mehr haben (und nie wieder hanen dürfen).

Dennoch habe ich mich vor einer tiefer gehenden Auseinandersetzung mit dem "D-Day" bislang gedrückt. Und ich gebe zu, dass ich auch Beevors Standardwerk nur in homöopathischen Dosen ertragen und entsprechend lang mit der Lektüre gebraucht habe.

Das erwartet Euch im Buch "D-Day – Die Schlacht um die Normandie"

Antony Beevor hat sich mit seinen detailgetreuen Schilderungen geschichtlicher Ereignisse einen Namen gemacht und gilt heute als der erfolgreichste Autor zu historischen Themen. Und so beschäftigt sich auch D-Day bis in viele kleine Details mit der Landung der Alliierten in der Normandie. Von der Planung bis zur Befreiung von Paris schlägt Beevor den Bogen. Er zeichnet Truppenbewegungen und Frontverläufe nach – sowohl im Großen und Ganzen als auch für einzelne Einheiten. Das könnte, zumal das Buch ohne Anmerkungen und Glossar 552 Seiten umfasst, eine sterbenslangweilige und ziemlich trockene Angelegenheit sein. Ist es aber nicht. Beevor versteht es, die Ereignisse lebendig und anschaulich zu schildern, den Leser mitten rein ins Geschehen zu befördern. Er beschäftigt sich nicht nur mit taktischen und strategischen Winkelzügen, sondern auch mit den Menschen in der Uniform, ihrem Charakter, ihren Ängsten und Zweifeln.

 

Beevors großes Verdienst ist es, nichts zu beschönigen. Er beschreibt Kriegsverbrechen und schildert militärische Fehlentscheidungen, auch auf Seiten der Alliierten. Er schildert die Landung und vor allem den lang andauernden Stellungskrieg in der Normandie als das, was es war: Ein brutales Gemetzel. Am Anfang liest sich das noch locker weg, denn in die ersten Tage der Landung, sie taugen für Heldengeschichten, trotz des hohen Blutzolls, den Alliierte, Besatzer und einheimische Bevölkerung zahlen mussten. Die glorreichen Truppen kamen über den Kanal und befreiten den Küstenstrich, bleibt das Fazit dieser ersten Tage. Auch wenn die Kampfhandlungen sich, vor allem an Omaha-Beach, oft unglaublich brutal und hoffnungslos lesen. "Es war furchtbar. Überall starben Menschen. Die Verwundeten, die nicht mehr von der Stelle kamen, ertranken in der steigenden Flut. Boote brannten wie Fackeln, während die nächste Welle versuchte, an Land zu kommen", zitiert Beevor einen Soldaten der 1. Division. Das sind die Bilder, die wir heute im Kopf haben, wenn wir an D-Day und die Befreiung Frankreichs denken. Es ist ein amerikanischer Film, der da in unserm Kopf läuft. Und deshalb hat er ein Happy End.

Alliierte Truppen landen in der Normandie
Das sind Bilder, die wir im Kopf haben: Die erfolgreiche Landung alliierter Soldaten in der Normandie. Die Schlacht ging aber noch Monate weiter. Foto: US Coast Guard, photo 26-G-2517 [Public domain], via Wikimedia Commons

Wie der Krieg weiterging – teuflische(s) Schlachten in der Normandie

Für viele Soldaten hatte der D-Day kein Happy End. Sie starben – in den ersten Tagen. Oder Wochen später. Nur wenig wird über den mörderischen Krieg in den Bocage-Landschaften, die Schlachten um Städte wie St. Lo oder Caen geschrieben. Diese Geschichten taugen auch weniger für Heldenstories, wie aus Beevors Schilderungen hervorgeht. Er schreibt von Chaos an der Front, von mangelnder medizinischer Versorgung, von "friendly fire" und heftigen Verlusten. Von massiven taktischen Fehlentscheidungen. Davon, dass die nachrückenden Soldaten nur ungenügend auf den Krieg vorbereitet – und der Schlacht psychisch nicht gewachsen waren.

Beevor lässt Augenzeugen zu Wort kommen, um die drastischsten Szenen zu beschreiben, etwa bei der Operation Cobra: "'Als es hell wurde, versuchten 300 Infanteristen durch einen Sumpf nördlich der Straße nach Grimesnil vorzugehen. ...  Panzer nahmen die Verfolgung auf und töteten fast alle. In dem Sumpf und seiner Umgebung wurden fast 300 Tote gefunden.' Weitere 600 Leichen lagen längs der beschossenen Straße. 'Das war nur noch eine blutige Masse von Armen, Beinen, Köpfen und verbrannten Körpern.' (...) In der ganzen Gegend klebte rohes Fleisch an verbrannten und zerschossenen Fahrzeugen.' (...) 'Grausames Gemetzel, eingeschlossene Tote des Gegners, von unseren Panzern platt gewalzt.'" Dieser fürchterliche Krieg in der Normandie fand seinen Höhepunkt im Kessel von Falaise, der die Niederlage der deutschen Truppen besiegeln sollte. Über den Kessel heißt es: "Die Straßen waren von Fahrzeugwracks, von aufgeblähten menschlichen Leichen und Pferdekadavern übersät. An zerschossenen Panzern und Bäumen klebten Uniformteile, menschliche Überreste hingen über brandgeschwärzten Hecken. Leichen in eingetrockneten Blutlachen starrten mit aus den Höhlen getretenen Augen ins Leere."

Apropos Deutsche: Beevor bemüht sich durchaus um Objektivität, zeichnet deutsche Truppenbewegungen und strategische Entscheidungen nach. Er unternimmt zudem den Versuch, das Schlachtgetümmel in der Normandie in den erweiterten historischen Kontext zu setzen, beleuchtet etwa das Massaker von Oradour durch die Waffen-SS als Antwort auf die Invasion der Alliierten oder das missglückte Attentat auf Adolf Hitler. Diese Abschnitte und Kapitel fallen im Vergleich zum restlichen Buch eher leidenschaftslos aus und sind lediglich dazu geeignet, die Sicht auf das große Ganze nicht zu verlieren.

Das Leid der Zivilbevölkerung und die Zerstörung der Normandie

Ein britischer Soldat und eine alte Dame im zerstörten Caen in der Normandie, Sommer 1944.
Ein britischer Soldat reicht im zerstörten Caen einer alten Dame eine helfende Hand. Foto: Captain E.G. Malindine, No 5 Army Film & Photographic Unit [Public domain], via Wikimedia Commons

Ich muss Beevor zu Gute halten, dass er das Leid der Zivilbevölkerung in der Normandie nicht ausgespart hat. Denn das, was Nazitruppen und Alliierte in der Normandie angerichtet haben, ist eigentlich unvorstellbar und wird in meinen Augen (immer noch) zu wenig thematisiert. Auch Beevor streift lediglich die Zerstörung normannischer Städte und Dörfer auf seinem Weg auf den Spuren der Schlacht. Aber kommt zu dem Schluss: "Die Normandie wurde in der Tat zu dem Märtyrer gemacht, der das übrige Frankreich rettete." Anschaulich beschreibt er die Zerstörung von Städten wie Caen oder St. Lô,  das später vom Dichter Samuel Beckett "die Hauptstadt der Ruinen" genannt werden würde. "(...) Am 6. Juni um 20.00 Uhr abends begannen alliierte Bomber die Stadt systematisch in Schutt und Asche zu legen", heißt es etwa über St. Lô. Erst Mitte Juli gelang es den Alliierten, die Stadt einzunehmen. "Die Straßen waren von ausgebrannten Fahrzeigen und Schutt blockiert, was so gut wie keinen Verkehr erlaubte." Furchtbare Zerstörungen gab es auch beim Vorrücken durch die Bocage-Landschaften:  "Bomber der RAF legten Villers-Bocage in dieser Nacht buchstäblich in Schutt und Asche. (...)Aunay-sur-Odon (...)war ebenfalls durch eine Reigen von Bombenangriffen der RAF zerstört worden. (...)161 Menschen waren tot und das ganze Dorf ein einziger Trümmerhaufen." Nicht immer waren strategische Überlegungen ausschlaggebend für die Zerstörung der Städte. So berichtet Beevor über Mortain : "Die Hauptstraße war für Fahrzeuge unpassierbar. Im Stadtzentrum gab es nur noch Trümmerhaufen zwischen einigen Mauern und Schornsteinen, die senkrecht standen. (...)Es ist kaum zu glauben, dass der Stabschef der 30. Infanteriedivision erklärte: 'Ich will, dass Mortain zerstört wird. ... Haut die ganze Nacht drauf, brennt es nieder, sodass niemand mehr hier leben kann!' Die unschuldige französische Stadt wurde in einem Wutanfall zerstört." Am Ende der Schlacht in der Normandie waren "(...) weite Landstriche verwüstet, der Boden von Granattrichtern übersät, die Wälder entlaubt und Obstplantagen zerstört. Der bestialische Gestank verwesender Tierkadaver hing noch lange in der Luft.(...) Die Silhouetten vieler Orte waren nicht mehr wiederzuerkennen, nachdem Panzer der Alliierten die Türme altehrwürdiger Kirchen zerschossen hatten, um mögliche Beobachtungsstellen der Deutschen zu beseitigen."

Wenn ich heute durch die Dörfer auf dem Cotentin, in der Manche oder im Calvados laufe, mag ich mir gar nicht vorstellen, wie es ausgesehen haben mag. An der Kirche in La Haye kann ich nicht mehr vorbei gehen, ohne den Beschuss des Kirchturms vor Augen zu haben.

Der zerstörte Stadt St. Lô in der Normandie
95 Prozent der Stadt St. Lô waren nach Luftangriffen und Schlacht zerstört. Foto: Conseil Régional de Basse-Normandie / National Archives USA

Was bleibt – 75 Jahre nach der Schlacht?

All das Schreckliche in dieser Schlacht: Ich konnte es sehen, hören, riechen bei der Lektüre. Ich bekam eine konkrete Vorstellung davon, wie diese Militäroperation vor 75 Jahren abgelaufen ist. Ein Geschehen, das bis heute nicht vorbei, nicht abgeschlossen ist: Bis heute werden aus der normannischen Erde Blindgänger, Minen und Gefallene gefischt. Hinter jedem Toten steht eine Geschichte, ein Leben, das nicht gelebt wurde. Bilanz: 240.000 Tote und Verwundete bei der Wehrmacht, plus 200.000 Soldaten in Kriegsgefangenschaft. 83.045  Verluste bei der 21. Armeegruppe der Briten, Kanadier und Polen, 125.847 bei den Amerikanern. Die alliiierten Luftstreitkräfte bilanzierten zudem 16.714 Tote und Vermisste. Die zivilen Opfer beziffert Beevor mit 19.890 Getöteten während der Befreiung der Normandie und weiteren 15.000 toten und 19.000 verletzten Zivilisten während der Bombenangriffe ersten Monate des Jahres 1944. Dennoch kommt der Autor zu dem Schluss: "Die Schlacht um die Normandie lief nicht ab wie geplant. (...) Dabei sollte man bedenken, was hätte geschehen können, wenn das grandiose Unternehmen D-Day gescheitert (...)wäre. Die Nachkriegskarte Europas und die Geschichte unseres Kontinents nähmen sich dann wohl ganz anders aus."

Antony Beevor: D-Day. Die Schlacht um die Normandie

  • Broschiert: 640 Seiten
  • Verlag: Pantheon Verlag; Auflage: 4 (7. November 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3570551462*

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