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50 shades of bleu – Randnotizen und Momentaufnahmen

Mit jedem Tag verschlechtert sich die Lage in Frankreich, in der Normandie sind, wie im gesamten Land, die Zahlen der positiv Getesteten in einer Woche um 40 Prozent gestiegen. Selbst so beschauliche Orte wie Carentan können eine Sieben-Tage-Inzidenz wie Paris vorweisen. Am 22. Oktober hat daher Premier Jean Castex verkündet, dass nunmehr für 54 Départements eine nächtliche Ausgangssperre gilt. In der Normandie sind die Départements Seine-Maritime und Calvados betroffen.

Ein Segelboot im Ärmelkanal vor der Stadt Granville
Hinaus ins Ungewisse

Das Jahr ist gelaufen

Sechs Jahre ist es her, da sagte mein Vorgesetzter: „Das Jahr ist gelaufen.“ Ein paar Tage später wussten wir, dass nicht nur das Jahr gelaufen war, sondern auch unsere Tage im Betrieb gezählt waren. Denn der wurde an unseren Mitbewerber verkauft, nur wenige KollegInnen wurden übernommen. Aber immerhin entwickelte sich etwas Gutes daraus: Früher als geplant konnten wir in die Normandie umsiedeln und ein völlig neues Leben beginnen.
Ich habe viele verschiedene Leben gelebt und alle davon waren reich und erfüllt. Aber sie waren auch nie ohne Krisen und Katastrophen. Euer Leben/Eure Leben sicher auch nicht. Der Unterschied zur Zeit ist: Ich kann nichts tun. Jedenfalls nichts Sinnvolles. Und ein Happyend ist nicht in Sicht, noch nicht mal eine Kerze im Tunnel. Eher droht jetzt das Damoklesschwert eines zweiten Confinement.
Und da das Jahr gelaufen ist, gedanklich zumindest: an dieser Stelle herzlichen Dank für Eure Unterstützung, mental, finanziell, wie auch immer. Danke für diesen kurzen Sommer und die wenigen, aber umso wertvolleren Begegnungen.

Das Pfeifen im Walde

Lange Zeit schien alles paletti zu sein in Frankreich. Aber bereits Mitte Juli schlugen Ärzte in Marseille Alarm, weil sie zunehmend COVID-Patienten in den Praxen sahen. Es blieb eine Randnotiz. Nein, unermüdlich wurde den Französinnen und Franzosen erklärt, man habe alles unter Kontrolle. Man teste und isoliere, man sei fast schon Europameister im Testen. Aber klar: Es waren Ferien und ein bisschen war es wie das Pfeifen im Walde. Jetzt sind Herbstferien und keiner pfeift mehr, außer das Personal in den Krankenhäusern. Auf dem letzten Loch. Weil es schon wieder eng wird auf den Intensivstationen, Personal fehlt, Patienten verlegt werden müssen. Die Leichtigkeit vom Sommer ist dahin.
Zur Veranschaulichung gibt es zahlreiches unterschiedliches Kartenmaterial: Zum Beispiel von Santé Publique France, um die Verletzlichkeit der einzelnen Départements darzustellen, mittlerweile sind alle zumindest satt blau. Dann die interaktive Karte zusammen mit GEODES, wo Ihr Euch jeden Tag die neue Sieben-Tages-Inzidenz der Départements anschauen konntet. Mehrmals mussten für höhere Werte hellere Blautöne gewählt werden. Denn mit den Schattierungen von Blau von Anfang September wäre heute die Frankreich-Karte schwarz. Weil nach unten kein Spielraum mehr ist, gibt es jetzt zusätzlich dunkelblaue und mitternachtsblaue Schattierungen. Mitternachtsblau ist fast schwarz, und steht für eine Inzidenz von über 1.000 /100.000 Einwohnern. Mit dem 22. Oktober wurde zusätzlich eine ortsbezogene Inzidenz eingeführt. Je nachdem, wo Ihr wohnt, kann es sehr beruhigend sein – zumindest dann, wenn Ihr einen weißen Fleck auf der Landkarte ergattert habt. Aber immerhin, es gibt sie noch, die Orte mit keinen oder kaum Fällen. Unser eigener Wohnort gehört gerade mit dem hellsten Hellblau dazu. Virenfreier ist es dann nur in Grönland oder auf dem Mond.
Um das Kartenwirrwarr zu komplettieren (ich träume schon von neuen Karten), gab es noch die Regierungskarte, mit verschiedenen Rottönen, hellrot, rot und scharlachrot. Sie wurde am 23. September eingeführt und zum 17. Oktober mit Inkrafttreten des Gesundheitsnotstandes wieder kassiert. Seitdem gibt es keine 50 Nuages de Rouge mehr. Nur noch grau und rot, nächtliche Ausgangssperre oder nicht. Letztere betrifft mittlerweile Zweidrittel aller Franzosen und Französinnen.

Eine Welle bricht auf der Kaimauer in Barneville-Carteret in der Normandie.
Es sind stürmische Zeiten in 2020.

Risiken und Nebenwirkungen

Ende September schlugen Esther Duflo und Abhijit Banerjee, ihres Zeichen Nobelpreisträger für Wirtschaft, vor, die Franzosen sollten im Advent, also vom 1. bis zum 20. Dezember, in den Reconfinement gehen, um das Weihnachtsfest zu retten. Man muss indes kein Nobelpreisträger sein, der Hausverstand französischer Mütter, Väter, Großmütter und Hausväter reicht völlig für diese Idee. Die haben nämlich schon mit Beginn des neuen Schuljahres angefangen, Weihnachtsgeschenke zu kaufen – mit der Folge, dass beliebtes Spielzeug wie die Barbie bereits Ende September vergriffen war, noch bevor die Wirtschaftswissenschaftler ihren Vorschlag ins Spiel brachten.
Weiteres Phänomen: Der Run auf die Immobilien hat begonnen, vor allem im ländlichen Raum. Auch in der Normandie sind die Makler vom Goldrausch erfasst, selbst alteingesessene Vertreter ihrer Zunft sagen, dass sie so etwas noch nie erlebt hätten. Sogar Häuser, die jahrelang im Bestand der Verkäufer lagen und gut Staub angesammelt hatten, sind unter den Hammer gekommen. Gute Immobilien zum realen Marktpreis sind oft nur wenige Tage auf dem Markt. Der Grund: Viele Pariser kaufen sich ein, um Homeoffice vom „Secondaire“ aus zu machen oder zumindest vor einem weiteren Confinement fliehen zu können. Außerdem haben viele Angst vor Wirtschaftskrise und Bankencrash, wer Spielgeld hat, investiert in Betongold. Das Phänomen zeigt sich verstärkt anhand der Hauptverkehrsrouten, aber strahlt bis in die entlegensten Dörfer an der Westküste der Manche hinein.
Ähnliche Beweggründe dürfte Anne Hidalgo, die Pariser Bürgermeisterin, dazu getrieben haben, von einer erweiterten Metropolregion Île-de-France zu schwadronieren. Große Teile der Normandie wollte sie gerne darin aufgehen sehen, die Hauptstadt bräuchte einen Zugang zum Meer, da sie die einzige Metropole der Welt ohne einen solchen sei. Der Aufschrei in der Normandie war groß und Hervé Morin, Präsident der Normandie, erteilte solchen Ideen eine klare Absage.
Und noch eine Randnotiz: Heißt es eigentlich LE oder LA COVID-19? Lange Zeit schrieben die Medien von LE COVID, weil es sich von dem Coronavirus ableitet. In Frankreich gibt es ein kein Neutrum, auch nicht für fiese Viren. Die Academie Francaise befand aber, es müsse La Covid heißen, denn der Kern der Abkürzung sei eine Krankheit und somit weiblich.

Ein Border Collie steht am Strand von Saint-Germain-sur Ay in der Normandie.
Herbst und Winter liegen in der Luft.

Der Herbst gibt alles

Neben kleinen und großen Aufregern geht unser Leben seinen beschaulichen Gang. Der Herbst schmeißt alles in die Waagschale, was wir lieben: Äpfel in tausend Rotschattierungen, Zugvogelschwärme, Sturm, Regen (zum Glück) und immer wieder wohltuende Sonnenstrahlen. Es ist immer noch die gleiche Normandie vor der Tür, ein bisschen ungezähmt und sehr liebenswert. Auch meine Salzwiesen legen sich ein herbstliches Kleid an und die Lämmer sind jetzt schon fast allem entwachsen. Ihre Mütter runden sich bereits und bald schon werden sie alle zusammen den Havre verlassen, weil sich die nächste Lammzeit nähert. Die Erde dreht sich einfach weiter, und um ehrlich zu sein, hat mein Tag zu wenig Stunden. Nachts sitze ich manchmal vor meiner Haustür auf der Treppe, Idgie neben mir. Die Sterne funkeln und es ist sehr still. Morgens am Strand ist es wie immer herrlich (und menschenleer), die Luft salzig und klar. An manchen Tagen bringt ein warmer Südwind noch einmal den Sommer zurück.
Es lässt sich, trotz Virus und der latenten Bedrohung durch einen zweiten Confinement (den ich mehr fürchte als Corona), gut leben auf dem ländlichen Cotentin. In einer deutschen, französischen oder belgischen Großstadt ist das Leben beengter und damit sicher auch risikoreicher.

Ein Schaf weidet mit der Herde vor dem Mont-Saint-Michel in der Normandie.
Rushhour am Mont-Saint- Michel.

Die Balance finden

Die richtige Balance finden in diesen Tagen, das ist nicht einfach. Sich einzuordnen zwischen Chaos, Krise und Kritik. Das richtige Gleichgewicht finden zwischen Vernunft und Unbehagen. Dem Bedürfnis nach Nähe und Freundschaft einerseits, der Notwendigkeit einer gewissen Distanz andererseits. Ich gestehe: Gut gelingt mir das nicht, noch nicht. Ich vermute, dass es in den nächsten Monaten genügend Trainingsmöglichkeiten geben wird, um in diese „neue Normalität“ zu finden, ohne zum Sozial-Zombie zu mutieren.
Wie sieht Euer Alltag gerade aus? Welche Perspektiven habt ihr, welche Hoffnungen und Wünsche? Schreibt es mir in den Kommentaren!

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Kommentare: 4
  • #1

    Nicole Höllermann (Montag, 26 Oktober 2020 06:21)

    Liebe Barbara,

    vielen Dank für den Bericht.

    Unser Alltag hat sich wie auch bei der ersten Welle nicht groß geändert.

    Mein Mann arbeitet in einem Bereich, der u.a. Die Aufbereitung biologisch verunreinigten Wassers in Laboren, Instituten und Kliniken umfasst. Das wird eher mehr benötigt als vorher.

    Ich arbeite bei einem Datendienstleister. Seit vor Karneval gilt hier bereits eine strenge Corona-Policy, die je nach Situation angepasst wird. Ich habe das Glück, Homeoffice machen zu können, was ich auch gerne nutze - ich empfinde es als deutlich effektiveres Arbeiten, was unsere Chefs auch feststellen durften.

    Im Sommer verbrachten wir die Wochenenden mit unserem Boot auf den Kanälen im Ruhrpott. Social Distancing in Perfektion.

    In Deutschland gab es einen Lockdown wie in Frankreich ja nie und mit einem kleinen Einfamilienhaus auf dem Land (Leider hat aber auch unser Kreis eine Inzidenz von 100 bei knapp über 100.000 Einwohnern) haben wir definitiv Glück. So schnell fällt einem da nicht die Decke auf den Kopf.

    Wie vor Corona geht es einmal wöchentlich einkaufen, beim Dorfladen Überraschungs-Obst- und Gemüsebox holen, zum Metzger und in den Supermarkt. Die Maske ist schon Alltagsgegenstand, der richtig sitzend auch nicht stört.

    Während der Zeit, als die Infektionen niedrig waren hier, sind wir das erste und einzige Mal dieses Jahr verreist. Es sollte nach Frankreich (Jura) gehen, aber nachdem dort rundum die Zahlen stiegen und die Bereiche "rot" wurden, entschieden wir uns für die Ostsee. Auch wunderschön. Es war halt wirklich die einzige Reise, wo wir sonst viele Reisen und Kurztrips übers Jahr machten, aber gut, bis 2006 war ich abseits von Klassenfahrten nahezu nie im Urlaub. Das geht schon...

    Sorge mache ich mir um einige Berufsgruppen hier, Messebau, Veranstaltungstechnik, Inhaber kleiner Locations, aber auch weniger bekannte Künstler. Hier müsste mehr gemacht werden zur Rettung.

    Sorgen machen mir die Menschen. Es ist nur ein kleiner Teil, verglichen mit der Gesamtbevölkerungszahl des Landes, der sich splittet 50 Schattierungen von Dagegensein, um Dein Bild aufzugreifen. Aber ein kleiner Teil genügt schon, um viel zu versauen. Und eine permanent aggressive und asoziale Stimmung zu verursachen. Schade... Nicht falsch verstehen, man kann einige Maßnahmen sicher kritisieren. Im Nachhinein gesehen, hätte man auch im Frühjahr manches vielleicht anders machen können, aber das ist immer leicht gesagt, wenn man nicht in der Verantwortung steht.

    Letzten Endes ist Deutschland bislang glimpflich davon gekommen. Und auch, wenn es bei einigen dafür sorgt, dass sie dem Präventions-Paradox auf den Leim gehen , hoffe ich, dass es so bleibt.

    Ich wünsche Dir alles Gute und Gesundheit.

  • #2

    Barbara Homolka (Montag, 26 Oktober 2020 10:47)

    Liebe Nicole,
    das mit der Veranstaltungsbranche ist hier ganz ähnlich, und irgendwie hat die Regierung es auch verpennt, Bedingungen für deren Weiterbestand zu schaffen. Und nun, durch die nächtliche Ausgangssperre, trifft es auch die Restaurants, die Bars müssen sowieso dicht machen. Der gesamte Kulturbereich liegt am Boden und die zweite Welle lässt sich, zumindest in Frankreich, doch wieder nur mit drastischen Maßnahmen aufhalten/verlangsamen. Kommt gut & gesund dirch!

  • #3

    Heide Ulbrecht (Dienstag, 27 Oktober 2020 08:24)

    Lieben Dank für den ausführlichen und sehr persönlichen Bericht. Auch wir haben unseren jährlichen Frankreichurlaub mit Blick auf die drastisch steigenden Covid-19 Zahlen in Frankreich gestrichen und sind im Land geblieben. Seit März sind alle meine geplanten Kurse, Ausstellungen und Messen ausgefallen und so haben wir unsere Aktivitäten auf Renovierungen in Haus und Garten verlegt, in der Hoffnung, dass dieser Alptraum irgendwann ein Ende hat. Allerdings steigen auch hier die Zahlen drastisch an, Familienmitglieder und Nachbarn waren schon vorsorglich in Quarantäne und man hat das Gefühl, dass die Gefahr immer näher kommt. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

  • #4

    Steffi (Mittwoch, 28 Oktober 2020 08:43)

    'Das Jahr ist gelaufen!' Das kommt mir irgendwie bekannt vor.... Und dieses Resümee kann man 2020 bereits Ende Oktober ziehen. Traurig eigentlich, wenn die Monate November und Dezember so gar keine Chance mehr bekommen, unsere Herzchen zum Hüpfen zu bringen....

    Mir persönlich bereiten die Einschränkungen in der Reisefreiheit die größten Schwierigkeiten in dieser Krise. Ja, Jammern auf hohem Niveau, ich weiß.... Aber ich hab mich nun mal die letzten Jahre ziemlich gewöhnt an mein freies Leben voller Spontanität und Unbeschwertheit. Ich dachte eigentlich, die einzigen Grenzen, an die ich noch gerate, wären meine eigenen.

    Danke, liebe Barbara, für diesen sehr persönlichen Artikel. Auch ich sitze manchmal mit meinen Hunden abends draußen und starre melancholisch in die eiskalte Nacht. Und während ich ein Schlückchen von meinem Rotwein nehme, denk ich mir - Ja, das Jahr ist echt gelaufen...


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