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Bücher gegen das Normandie-Weh, Teil 4, Biografien

Ich verschenke nichts lieber zu Weihnachten als Bücher. Okay: Vielleicht noch Kekse (die helfen gegen alles uns jedes) und regionale Spezialitäten. Falls Eure Buch-Wunschliste für Weihnachten noch nicht voll ist, so kommt hier noch mal Last-Minuite-Nachschub. Keine Romane, keine Krimis, sondern Lebensbeschreibungen von Menschen, die in der Normandie gelebt haben, oder zumindest einen starken Bezug zur Region haben. Ein ganz anderes Leseabenteuer und nicht immer leichter Stoff. Dafür konnte ich vor ein paar Tagen einen neuen Favoriten in mein Herz schließen.

Eine Frau liest vor Sonnenuntergang, drei Möwen fliegen im Hintergrund. Bildquelle: Canva
Ein gutes Buch lesen ist wie eine Therapie

Biografien, Autobiografien und Erinnerungen

Schriftsteller denken sich wahnwitzige Geschichten aus und Historiker schreiben Geschichte, wie sie (objektiv) gelehrt und gelesen werden soll. Ungefiltert, unverstellt, subjektiv dagegen sind Erinnerungen und Biografien. Sozusagen Geschichtsschreibung von unten. Ich gestehe: Bei diesem Leseabenteuer in der Normandie stehe ich noch am Anfang, aber ein paar Fundstüvcke möchte ich schon gerne mit Euch teilen. Wer noch Tipps hat – her damit!

Paul Bedel: Meine Kühe sind hübsch, weil sie Blumen fressen

Ich habe ihn verpasst, den Paul, und das ist ein Umstand, der mich traurig macht. Im September 2018 war in wirklich allen französischen Zeitungen zu lesen, dass Paul Bedel auf dem Cotentin gestorben sei, ein einfacher Landwirt, der es aber doch zu landesweiter Berühmtheit gebracht hat – ja, sogar von Sarkozy geehrt wurde.

Paul Bedel verbringt sein ganzes Leben als Landwirt zusammen mit seinen Schwestern auf seinem Hof in Auderville am Cap de la Hague. Sie leben ein einfaches Leben, eines der traditionellen Landwirtschaft statt der industrialisierten, vom Leben entfernten. Die Milch wird von Hand gemolken, die Butter ebenfalls in liebevoller Handarbeit hergestellt. Paul geht zudem erfolgreich zum Fußfischen  und weniger erfolgreich zur Jagd, er ist im Gemeinderat und versieht den Mesnerdienst in seiner Gemeinde. Der junge Fernsehjournalist Rémi Mauger widmete diesem ganz und gar unaufgeregten Leben die Dokumentation: "Paul dans sa vie" (Paul in seinem Leben), die seinen Protagonisten über Nacht berühmt machte. Warum? Weil Paul den FernsehzuschauerInnen das erzählte, was die Franzosen in den Jahren nach dem Krieg verloren hatten: Den Bezug zur Erde, zum Leben, zum Meer und zum Wind. Zu dem, was im Leben wirklich zählt. Fortan gab es viele BesucherInnen auf dem Hof der Bedels, die mehr wissen, mehr lernen wollten, vor allem ihm persönlich begegnen. Darunter auch die Biografin Catherine École-Boivin, die gleich mehrere Bücher mit Pauls Lebensweisheiten füllen konnte, von denen es nur eines auf den deutschen Buchmarkt gebracht hat. Übrigens war auch die Schriftstellerin Claudie Gallay (Die Brandungswelle, siehe Buchtipps Nummer 2) mehrmals bei Paul zu Gast und durfte in seinen Heften stöbern – auch ihr Roman atmet von seiner einfachen und doch tief greifenden Lebensphilosophie. Ich konnte den schmalen Band nicht weglegen, bis er ausgelesen war, und werde da immer wieder gerne drin stöbern (Pauls wichtigsten Lebensweisheiten suind am Schluss zusammengefasst).

Extratipp: Den Dokumentarfilm "Paul dans sa vie" könnt Ihr auf DVD bestellen, leider nur auf französisch. Da viele Passagen in Cotentinais gesprochen sind, gibt es zumindest französische Untertitel, was das Verständnis erleichtert. Wenn Ihr erst das Buch lest und dann den Film schaut, könnt Ihr in die einmalige Atmosphäre in Pauls Leben eintauchen – das fürs Verständnis ohnehin nicht viele Worte braucht.

Meine Kühe sind hübsch, weil sie Blumen fressen

Paul Bedel und Catherine École-Boivin

dtv-Verlagsgesellschaft

240 Seiten

ISBN-13: 978-3423349437

Buch bestellen bei Amazon *:

Paul dans sa vie, DVD (Versand über Frankreich)*:


Annie Ernaux: Die Jahre

Annie Ernaux gilt als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen Frankreichs, ihre Romane werden regelmäßig zu Bestsellern. In Deutschland gilt es, diese großartige Autorin noch zu entdecken. Das erste Buch, was mir von ihr in die Hände fiel, war "Die Jahre", ihre 2017 in Deutschland erschienenen Autobiografie (das Original stammt aus dem Jahr 2008).

Warum solltet Ihr das Buch (und andere Werke der Autorin) lesen? Zum einen, weil sie aus der Normandie stammt, in Lillebonne geboren wurde und in Yvetot aufgewachsen ist. Zum anderen, weil sie, selbst in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, sehr nüchtern ihre Lebensgeschichte mit der Politik in Frankreich, mit Revolten, Algerienkrise, den Hoffnungen auf Mitterand, den Enttäuschungen, der Globalisierung, der Emanzipation verknüpft. Anhand alter Fotografien  und Erinnerungen spürt sie ihrem Leben nach, einem Leben einer ganzen Generation. Das Private ist hier politisch, das Politische privat. Wer Frankreich und die Franzosen jenseits von gut gemeinten Korrespondentenberichten verstehen will, muss Autoren wie Annie Ernaux oder Didier Eribon (Rückkehr nach Reims*)  lesen, die ihren eigenen, messerscharfen Blick auf die Entwicklung Frankreichs gerichtet haben. "Etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird", steht auf dem Umschlag von "Die Jahre". Das Buch hat mich schwer beeindruckt, weitere Werke der Autorin stehen deshalb ganz oben auf meiner Leseliste.

Annie Ernaux: Die Jahre

Suhrkamp-Verlag, 255 Seiten
ISBN-13 : 978-3518469682

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Arne Ulbricht: Maupassant, biografischer Roman

Flaubert oder Maupassant? Das ist eine Frage wie Beatles oder Stones, Mozart oder Beethoven, bleu oder bien cuit. Kurzum: Geschmackssache. Für mich darf es eher Maupassant sein, daher musste ich Arne Ulbrichts biografischen Roman lesen, der durchaus kurzweilig dem Leser/der Leserin das Leben des Schriftstellers nahebringt. Nun ist ein biografischer Roman immer ein Wagnis, für Schreibenden und Lesenden gleichermaßen. Wo hört die Biografie auf, fängt die Fiktion an?  Arne Ulbricht verwebt Belegbares aus Guy de Maupassants Leben mit einem Sittengemälde der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und mit dem Weg des jungen Schriftzstellers, der seine eigene Sprache, seinen eigenen literarischen Weg sucht. Und der war gar stolprig-holprig, lange Zeit galt Maupassant zwar als talentiert, aber auch als erfolglos, stand im Schatten berühmter Autoren jener Zeit. Neben literarischem Ringen geht es ums Rudern, die Normandie, den entnervenden Broterwerb im Pariser Ministerium und um – Sex. Ziemlich viel Sex sogar, gefühlt wird in diesem (biografischen) Roman mehr gevögelt als gedichtet. Drogenkonsum und die Syphilis schließlich führten dazu, dass Maupassant bereits 1893, mit 43 Jahren, in einer psychiatrischen Klinik bei Paris starb. Mit der Wertung für das Werk habe ich mich hier schwer getan, sie liegt irgendwo zwischen drei und vier Punkten. Vier für die akribische Recherchearbeit, Abzüge gibt es für die zum Teil schon pornografischen Szenen und die für mich schwer zugängliche Ausdrucksweise Ulbrichts. Das Buch ist auch auf Französisch erschienen – und entwickelt in der Sprache Maupassants sicher einen ganz anderen Klang. Trotz aller Kritik habe ich den biografischen Roman durchaus mit Gewinn gelesen.

Arne Ulbricht: Maupassant, biografischer Roman.

Klack-Verlag, 246 Seiten.
ISBN-13 : 978-3943767797

Bei Amazon* bestellen:

Deutsche Version:

Französische Sprachversion:


Jean Renoir: Mein Vater Auguste Renoir

Gut, Auguste Renoir ist nicht der erste Maler, der mir in Verbindung mit der Normandie einfällt – aber ich habe ein großes Faible für seine Art, Menschen darzustellen und Bezüge zur Herzenslandschaft gibt es denn natürlich auch (welcher Maler in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte sie nicht?). So wurde Auguste Renoir 1883 von seinem Freund Alfred Nunès, Bürgermeister von Yport, beauftragt, Portraits seiner Kinder zu malen. Lange Zeit residierte die Familie Renoir zudem die Sommermonate in Pont-Aven, im selben Bauernhäuschen, in dem Oscar Wilde über die Wintermonate eine Zuflucht fand. Das Museum Thomas Henry in Cherbourg widmete 2020 in der Sonderausstellung "Normandie impressionniste. Voyages en terre inconnue. Boudin, Renoir, Signac... en Cotentin" gar eine Sonderausstellung über das Wirken der avantgardistischen Künstler auf der Halbinsel. Und nicht nur den Vater zog es immer wieder in die Normandie, auch sein Sohn und Chronist, der Regissseur Jean Renoir, kehrte immer wieder hier her zurück: Die Landschaft bot dem Meisterregisseur die Kulisse für Filme wie La Bête Humaine (Bestie Mensch), Madame Bovary und Le Crime de Monsieur Lange (Das Verbrechen des Herrn Lange). All das wäre schon Grund genug, das Buch zu lesen, aber das Leben und Schaffen von Auguste Renoir ist so vielschichtig und Jean Renoir erweist sich als brillanter Erzähler. Auch wenn die Normandie nur gestreift wird, ein Leckerbissen für Kunstliebhaber.

Jean Renoir: Mein Vater Auguste Renoir

Diogenes-Verlag, 423 Seiten

Das Buch  müsst (dürft!)  Ihr derzeit über den Buchhandel bestellen.

Hein Severloh: WN 62 - Erinnerungen an Omaha Beach: Normandie, 6. Juni 1944

Hein Severloh ging als die "Bestie von Omaha Beach“ (Beast of Omaha Beach) in die Geschichte des D-Days, der Landung der Alliierten in der Normandie, ein. Weitgehend auf sich alleine gestellt, feuerte am 6. Juni 1944 der junge Landwirt vom Widerstandsnest 62 aus auf die anrückenden GIs. 2.000 bis 3.000 soll er getötet haben, auch wenn Historiker die Zahl für so hoch gegriffen halten. Schonungslos und ungeschönt beschreibt er das Gemetzel an Omaha Beach.

 

"Mein ganzes Leben lang tauchte nachts  in meinen Träumen immer und immer wieder jener GI auf, der es geschafft hatte, fast den Vorstrand dort unter mir zu erreichen, dann schleudert ihm mein Schuß aus dem Karabiner den Helm vom Kopf. Er bleibt einen Moment stehen, sackt dann auf die Knie, sein Kinn fällt ihm auf die Brust. Er stirbt im Zeitlupentempo, fällt vorneüber aufs Gesicht und in den Sand des Strandes."

 

Die blutige Schlacht macht nur einen Teil der Erinnerungen Severlohs aus, er berichtet auch, wie er in die Normandie kam, in Gefangenschaft geriet und schließlich zusammen mit dem Schriftsteller Helmut Konrad von Keusgen seine Geschichte aufarbeitete und als Buch publizierte. Es gibt viele grausame Stellen im Buch, aber auch viele bewegende, hoffnungsvolle. Nicht immer ist es mir gelungen, weiterzulesen, weil mir manche der Szenen einfach zu nahe gingen.

Hier gibt es keine (Sterne-)Wertung, nur den Hinweis: Unbedingt lesen, damit die Geschichte nicht vergessen wird.

Hein Severloh: WN 62 – Erinnerungen an Omaha Beach: Normandie, 6. Juni 1944.

HEK Creativ; 148 Seiten
ISBN-13 : 978-3932922114

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