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Fünf Lämmer sollt Ihr sein – Randnotizen und Momentaufnahmen

Seit mehr als zwei Monaten läuft das Leben in Frankreich wieder ziemlich offen. Auch die Grenzen können ohne Selbstauskunft und wichtige Gründe passiert werden. Seit Anfang Juli befindet sich ganz Frankreich in den Ferien. Und am Meer!  Gleichzeitig gibt es immer wieder neue Cluster, die die Fallzahlen derer, die sich mit dem neuen Coronavirus infiziert haben, in die Höhe schnellen lassen. Und das lange, harte Confinement steckt uns allen in den Knochen. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Vier Schafe im Havre von Saint Germain sur Ay schauen neugierig in die Kamera
Dumm? Verschlafen? Wir doch nicht!

Für uns Fußgänger – Idgie, Ben und mich – war schon die Aufhebung des 1-Kilometer-Radius am 11. Mai der Befreiungsschlag schlechthin. Endlich mal wieder etwas anderes sehen! In den Zeiten der strikten Ausgangssperre waren wir in einem nicht enden wollenden Murmeltiertag gefangen, ohne die Chance, irgendetwas verändern oder verbessern zu können. Oder soll ich sagen: In einem Schaftag? Die Schafe waren unsere Konstante. Schafe zur Linken, Glück wird dir winken.

Durch Corona fand Ostern in Frankreich quasi nicht statt. Somit haben sehr viel mehr Lämmer den Frühsommer erlebt, als in vergleichbaren Jahren, da sie an Weihnachten geboren und an Ostern geschlachtet werden. So hatten wir ausgiebig Gelegenheit, das Sozialverhalten "unserer" Schafe vor der Haustür zu beobachten. Gemeinhin gelten Schafe ja als dumm, aber das Gegenteil ist der Fall. Ein Mutterschaf erkennt auf über einen Kilometer das Blöken seines Lammes. Und umgekehrt. So können sie in völliger Freiheit durch die Salzwiesen streifen und finden sich immer wieder. Während die kleinen Lämmer sich dicht an Muttern halten, werden die etwas größeren mutiger und besuchen dann ihre gleichaltrigen Lämmerkumpane. Und so zieht dann ein Mutterschaf mit Fünfen los, die ihre ersten gewagten Sprünge über die Wasserläufe des Havres versuchen. Immer noch zumindest unter Aufsicht der erwachsenen Bezugsperson. Noch ein paar Wochen später sind aus den Lämmern schlaksige  Halbstarke geworden, die nun alleine losziehen. Sie fürchten weder Tod noch Teufel – und schon gar nicht zwei Border. Pah! Mutig stellen sie sich uns in den Weg. Und meist sind sie, ja richtig: zu fünft! Fünf Lämmer sollt Ihr sein, dann gehört Euch die Welt. Also zumindest meine kleine, direkt vor meiner Haustür.

Mehr Fakten über die angeblich dummen Schafe: Sie können, so haben Wissenschaftler heraus gefunden, komplexe Entscheidungen treffen, Gewohnheiten entwickeln und Gesichter von Menschen und Schafen unterscheiden. Bestimmt wissen das Lämmchen, das ich aus dem Weidezaun gefummelt habe und das Mutterschaf, das aus eigener Kraft nicht mehr aufstehen konnte, ganz genau, wer wir sind, wenn wir durch unsere Salzwiesen streifen. Laut einer Studie von Prof. Jenny Morton sollen Schafe in der Lage sein, einst getroffene Entscheidungen über sechs Wochen zu merken und Fehlentscheidungen zu korrigieren. Und wundert es Euch noch, dass Schafe Emotionen haben? Nur eines tun Schafe übrigens so gar nicht: schlafen. Sie wären einfache Beute und so schlafen sie nur, wenn sie sich wirklich sicher fühlen, die Tiefschlafphase dauert dabei nur zehn Minuten. Insgesamt schläft ein Schaf lediglich vier Stunden am Tag. Den Rest des Tages wird gedöst, im Hintergrund hellwach, um eine etwaige Bedrohung sofort zu entdecken. Die Schafe in unserem Havre sind zudem viele, viele Kilometer durch ihr Habitat unterwegs und somit (im Gegensatz zu mir) total fit.

Ebenso cool wie Schafe sind Brandgänse. Sie kommen im Frühjahr auf den Cotentin, brüten und ziehen die Jungvögel auf. Es kommt aber die Zeit, da die Mauser die Altvögel flugunfähig macht. Dann ziehen sie sich in Gebiete zurück, wo sie ohne Störung und natürliche Feinde überleben können. Und die Jungvögel? Die werden von einer Amme betreut. Überall in den Havres könnt Ihr im Sommer solche Gänsekindergärten sehen, ein, zwei Altvögel mit einem riesigen Schwarm gut gelaunter Küken.

Schafe vor dem Havre in Saint Germain sur Ay in der Normandie
Lichtstimmung im Havre von Saint Germain: Wir bleiben auf unserer Scholle

Die Natur, sie ist ein Wunder

Die Natur ist also gut aufgestellt, um niemanden unnötiger Gefahr auszusetzen und um füreinander da zu sein. Während des Confinement haben wir Menschen das auch ganz gut hinbekommen. Wir winkten uns zu, passten aufeinander auf. Wir freuten uns über Delfine an den Küsten und gute Luft. Und die Ruhe. Unabhängig wurde mir aus verschiedenen Orten in Frankreich von geheimnisvollem Klavierspiel berichtet, das sich nicht lokalisieren ließ. Uralte Geschichten waren damit verknüpft, der Ehemann, der jeden Abend seine Frau mit dem Spiel nach Hause holen wollte, die da einst auf dem Meer verschwunden war. Spukgeschichten. Spekulation über einen Résistance-Code aus dem Zweiten Weltkrieg. Oder war die Musik schon immer da, nur die Umgebung ist jetzt ruhiger? Unsere Sinne geschärft? (Ich muss hier anfügen, dass in unserem Ort kein Klavier war, nur der Typ, der, wenn er Samstagabend endlich fertig war mit der Arbeit, "I want to break free" von Queen durch den Ort schallen ließ, und das auch nicht gerade leise.)

Das Virus bestimmte und bestimmt unseren Alltag. Und mit den Lockerungen, auch der pure Egoismus und die Rücksichtslosigkeit. Und mit der allmählichen Rückkehr der Regeln, die Aggression. So wurde der stellvertretende Bürgermeister von Portbail von ein paar Wildcampern angegriffen und geschlagen, weil er sie darauf hingewiesen hat, dass sie kein Feuer im Naturschutzgebiet machen dürfen. Durch das beschauliche Seebädchen Agon-Coutainville ziehen nachts vandalierende Horden, sodass jetzt eine Security jede Nacht Streife läuft, um das Schlimmste zu verhindern.  August in der Normandie, das war auch schon in den Vorjahren irgendwie schräg, aber August 2020 ist, als hätte Quentin Tarantino Regie geführt, zusammen mit den Coen-Brüdern.

Denn der Sommer 2020, er ist der kurze Sommer der Anarchie und der Rekorde: Zwar kommen weniger Briten, dafür mehr Belgier, weniger Deutsche, doch die Franzosen machen das locker wett. Der Juli und August stellte alles je Dagewesene in der gesamten Region in den Schatten, vor allem auf den Cotentin zieht es die Menschen. (Einsam. Kühl. Natur). Nach Auswertung der Handydaten über den Netzbetreiber Orange ist bis Anfang August ein Anstieg der Tourismuszahlen auf dem Nordwest-Zipfel von zehn Prozent zu verzeichnen. Das bedeutet 158.000 BesucherInnen mehr als im Vorjahreszeitraum.
Doch die Bilanz fällt nicht nur positiv aus, denn zum einen kommen Menschen in unsere Natur, die diese nicht respektieren – und auch nicht die hier lebenden Menschen. Zum anderen hat die reine Masse zum Over Tourismus geführt. So haben von Anfang Juli bis Mitte August fast 100.000 Menschen den Nez de Jobourg besucht, was vor allem bei den Bewohner des Weilers Dannery für Unmut sorgt, durch den sich die gesamte Blechlawine ergießt. Die Landwirte haben Schwierigkeiten, auf ihre Felder zu kommen, da alles zugeparkt ist.  In Siouville-Hague kommt es zu Konflikten zwischen Surfern und Schwimmern, weil es keine ausgewiesenen Zonen für die jeweiligen Gruppen gibt, und in diesem Rekordsommer der Platz für alle zu eng wird.

Mein Mikrokosmos, wo die Welt noch in Ordnung ist

Zwei Fahrräder stehen vor einem maroden Schaufenster in Granville
Stillleben in der Oberstadt von Granville

Die Salzwiesen bleiben unser fast ruhiger Fixpunkt. Wobei auch hier mehr Menschen durchwallen, durchradeln und reinscheißen, als in allen drei Jahren davor zusammen. Wir gehen möglichst früh, auch um den auftretenden Hitzewellen zu entfliehen. Unterwegs waren wir auch in Zeiten nach dem Confinement nur wenig, einmal zum Wandern, einmal in der Suisse-Normande in dem Eco-Gîte de Lenault, einmal mit einer Freundin zum Fotografieren von Granville zum Mont-Saint-Michel. Wir wissen, was wir an unserer Scholle haben, so vor der Tür. 

Mittlerweile, wir ahnen es schon, kommt der Herbst. Das Wetter wird schlecht, die Ferien enden. Viele französische Urlauber treten die Heimreise an, es schlägt die Stunde der Schwaben, die durch den späten Ferienbeginn in ihrem Bundesland fast jedem Rummel entgehen können. Indes, die Zeiten bleiben ungewiss: Wenn die Zahl der Infizierten weiter steigt, wie lange können wir uns noch frei bewegen? Werden Restaurants schließen müssen oder können viele Firmen den Herbst und Winter überleben? Vielleicht rettet uns der Super-Sommer vor dem wirtschaftlichen Super-GAU. Den Betrieben, den Mitarbeitern und der Region ist es zu wünschen – und etwas weniger Massenansturm im nächsten Jahr. Aber auch hier: Das Virus schreibt das Script. Doch anders als beim Krimi können wir nicht schnell nach hinten blättern, wenn die Spannung unerträglich wird und wir unbedingt wissen wollen, wie es ausgeht. Und das ist vielleicht besser so.

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Kommentare: 2
  • #1

    Susanne-Alexa (Montag, 24 August 2020 21:48)

    Ein sehr schöner und trauriger Beitrag. Wir wohnen hier im äussersten westlichen Zipfel von Deutschland, nur einen Kilometer von der holländischen Grenze entfernt. Und auch hier ist der Irrsinn und immer weiter umgreifende Egoismus zu spüren. Ich hoffe sehr, dass sich soziales Bewusstsein wieder durchsetzt. Und ich hoffe, dass wir im Oktober endlich das wunderschöne cotentin erleben können

  • #2

    Ilona rink (Montag, 24 August 2020 23:16)

    Ich wünsche euch Glück im Cotentin.
    Es ist gerade die Natur, die Freundlichkeit und die Ruhe, die jeden Aufenthalt hier so schön macht.


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